LESBOS

Ich bleibe kurz stehen und atme tief durch, bevor ich durch den Ausgang am Zürcher Flughafen gehe. Amaru spring mir in den Arm, erzählt etwas, Nouri strahlt und lacht, Shery guckt mich glücklich aber auch fragend an. Meine Gedanken verlieren sich im Chaos. Es braucht Zeit, bis ich wieder da sein werde. Daheim. Im Warmen. In Sicherheit. Mit genug zu essen und… Weihnachten.

Die Geschichten, die ich in der einen Woche auf Lesvos hören durfte sind nicht zu verstehen. Noch weniger die Geschichten, die nicht mehr erzählt werden können. Menschen, die fliehen müssen um zu überleben. Menschen, die mit einer Hoffnung versuchen nach Europa zu gelangen. Monate unterwegs, um dann nochmals Monate in Zelten oder sogar auf der Strasse zu warten. Auf was wissen sie oft nicht. Die kleine Insel in Griechenland, nur ein paar Kilometer zum türkischen Festland entfernt, ist für mich der Widerspruch in sich.

Auf der einen Seite die Hoffnungslosigkeit, auf der anderen der schier unbrechbare Wille etwas zu verändern. Rettungsschwimmer wie Pro Activa, die jede Nacht auf dem Meer patrouillieren, um das schlimmste zu verhindern. Immer gelingt es ihnen nicht. No Border Kitchen, denen Statussymbole genau so egal wie Ruhm sind. Sie kochen mit ein paar Gaskochern und der aktiven Hilfe der Flüchtlinge 600 Portionen pro Tag. Attika, die pausenlos die ganze Insel mit Kleidern und anderen notwendigen Dingen versorgen. One Happy Family, die Menschen auf der Flucht für wenigstens ein paar Stunden ein normales Leben geben. Und auf der anderen Seite die Menschen, die meine Frage wo sie leben nicht beantworten, nicht beantworten können. Oder Camp Moria, ein altes Militärgefängnis. Anfangs gedacht für 1’200 Insassen leben dort zu Spitzenzeiten um die  10’000 Flüchtlinge, die meisten in einfachen Zelten. Umgeben von Stacheldraht, bewacht von der Polizei. Legal rein kommen unmöglich, Fotos machen verboten. Warum erklären die Bilder. Sie sind ein kleiner Teil von dem, was ich gesehen habe. Wie ich es gesehen habe. Voller Hoffnung, Unverständnis, Hilflosigkeit und unendlicher Liebe. Sie sind ein kleiner Teil, den ich zurück geben kann. Sie sind immer noch in meinem Kopf, sie sind immer noch nicht zu Ende.